(German Version)

Text von Iris Musolf:


RUNDLAUF ZU ZWEIT

„[...], bitte fragt mich nicht, was das Gute und was das Böse ist, wir wussten es immer, als die Blindheit noch eine Ausnahme war, das Richtige und das Falsche nicht nur verschiedene Arten, unsere Beziehung zu den Anderen zu begreifen, nicht die, die wir zu uns selbst haben, der dürfen wir nicht trauen, [...].“ 1

Zwei nackte junge Männer steigen auf allen Vieren aus dem kalten Wasser eines Schwimmteiches. Man sieht die Kälte an der Haut. Beide haben weiße Kreise vor dem Gesicht. Es ist das Titelbild. Die Kreise könnten auch Pingpong-Bälle
sein. Pingpong-Bälle werden aus Zelluloid hergestellt, einem blinden Material, auf dem Filme am besten zu sehen sind. Sind die Kreise blind oder ich? Welche Gesichter, welche Geschichten verbergen sich dahinter?

Anfangseuphorie: König für einen Tag, Könige für drei Monate. Was würde ich machen, wenn ich König wäre? Eine Residenz hätte, Artist in Residency wäre? Clemens Wilhelm und Claudio Wichert hatten drei Monate lang eine Residenz im Buitenwerkplaats in Holland, einer in einem Polder gelegenen ländlichen Farm, die vor kurzem in ein Studio umgewandelt wurde. Sie haben jeden Tag, 90 Tage lang, im Pingpong-Verfahren eine Arbeit geschaffen. Ein Frage-Antwort-Spiel, aus dem dieses Buch mit zwei parallelen Handlungssträngen entstanden ist. Jede Doppelseite zeigt, wie das aufgeklappte Spielfeld einer Tischtennisplatte, einen Ballwechsel: ein Ping und ein Pong. Es ist vermutlich der größtmögliche Freiraum, als Künstler eine Residenz zu haben, und erfordert gleichzeitig ein hohes Maß an Disziplin. Man muss sich jeden Tag neu motivieren, aufzustehen, sich selbst die Zeit einzuteilen, am Vorhaben zu arbeiten, die Zeit nicht tatenlos verstreichen zu lassen, weiterzumachen. Clemens Wilhelm und Claudio Wichert haben sich zusammen dieser Herausforderung gestellt, den Wohn- und Lebensraum eine Zeit lang miteinander zu teilen, alle Stärken und Schwächen des Anderen jeden Tag mehr zu entdecken, sie zu lieben, aber auch zu verfluchen, und trotzdem das Gemeinschaftsprojekt umzusetzen und sich dabei gegenseitig auszuhalten. Sie haben das Spiel mit ihren eigenen Spielregeln durchgehalten.

Prinzipiell kann man offensiv, allround oder defensiv spielen, sagt Wikipedia zu Pingpong. Das Buch beginnt mit einer Kritzelzeichnung von Claudio Wichert. Bleistift und rote Farbe: King for a day. Das „i“ ist eine rote Krone und gleichzeitig christliches Kreuz oder ein Zepter. Darunter steht etwas kleiner: Fool for a lifetime. König Ping und König Pong. Wichert und Wilhelm errichten ihr persönliches Königreich im Buitenwerkplaats, nicht weit von Amsterdam. Nur selten wird man in die große Stadt fahren müssen. Clemens Wilhelm führt den Aufschlag von Claudio Wichert fotografisch fort, zeigt sich, mit einer Plastikkrone auf dem Kopf, einer Totenkopfmaske vor dem Gesicht, nacktem Oberkörper, den Arm aufgestützt auf einen Spaten, barfuß im Garten. Als wolle er sagen: „Unser aller Gigolo ist der Tod.“ 2 Jetzt geht es los: memento mori!

Was werden sie wohl ausheben, erfahren, erleben als Könige auf Zeit; als Regenten ihrer eigenen Heterotopie, denen niemand etwas zu sagen hat und die sich deshalb gegenseitig auferlegt haben, jeden Tag konsequent eine Arbeit zu schaffen, die gleichzeitig Frage und Antwort auf das Werk des Anderen ist?

Disziplin: Ballkontakt halten. Manche der Seiten erscheinen wie Zustandsbeschreibungen. Andere wie ein Motivationsversuch, um nicht am Leben in der Residenz verrückt zu werden. Der Freude darüber, einmal ausreichend Zeit und Geld zu haben – es wird auch ordentlich gefeiert –, folgt die Überforderung ob der luxuriösen Verhältnisse in der Isolation. Es ist viel Zeit zum Nachdenken. Zweifel, Ängste, gescheiterte Beziehungen, die Sehnsucht nach Sex und Liebe, Geborgenheit und Vertrauen werden einmal mehr mit Alkohol begossen: „if you woke up like me today, follow these steps! one: wait at least twenty minutes before you get out of your bed and listen carefully to the sounds of the neighbours. two: imitate bird sounds while making tea.[...]“. „Learning To Love You More“ heißt ein Buch von Harrell Fletcher und Miranda July, in dem sie Arbeitsaufträge geben wie: „Take a picture of your parents kissing“, die mich an das Zitat von Tag 6 erinnern. „Interview someone who has experienced war“ oder „Make an encouraging banner“ sind weitere Anweisungen von Fletcher und July. Beide Projekte verbindet etwas. Eine Passage des Texts „Many People Doing Simple Things Well“ bringt es wunderbar auf den Punkt: „What it asks is just this: push yourself, think deeply, take yourself seriously. These are by no means insignificant acts. And even if the project assigns more ambitious tasks, it leaves room for failure.“ 3 Es sind die kleinen Dinge, die kleinen Aufmerksamkeiten, die Handlungen, die Haltung, die wichtig sind im Umgang mit sich und anderen Menschen, um das Leben lebens- und liebenswert zu machen, wie zum Beispiel jeden Tag auf eine Zeichnung, einen Text oder ein Foto von einer einzigen Person immer wieder zu antworten.

Nach etwa einem Monat zeichnet sich die erste Erschöpfung durch das Pingpong-Spiel ab. Nun gleicht es eher einem Rundlauf zu zweit, bei dem man immer in Bewegung bleiben und im Kreis dem Ball hinterherjagen muss, um ihn noch zu bekommen. „Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung“, soll Joseph Beuys gesagt haben. Doch das ist ein schwieriges Unterfangen. Auch für Künstler heute. Clemens Wilhelm und Claudio Wichert gehen ehrlich und ironisch mit ihren schwindenden Kräften um. Sie lassen den symbolischen Ballwechsel nicht abreißen. Formale Analogien werden kombiniert mit inhaltlichen Differenzen. Auf einer Buchseite steht: „Ich hab keinen Bock mehr.“ Die Antwort darauf ist ein schwarzes Rechteck mit dem Satz: „Auf dieser Seite sehen Sie keinen Bock.“ Die gängige Redewendung „Ich hab keinen Bock mehr“ wird durch einen sprachlichen Trick umgedreht und auf das Visuelle, das „Nicht-Sehen“ übertragen. Symbolisch sehe ich den verzweifelten Bauern, dessen einziger Bock soeben weggelaufen ist.

Unterschwellige oder direkte Gewalt, Wut? Heute, es ist Tag 31, haben wir es wohl mit Offensivspielern zu tun. „Nicht an den anderen verrückt zu werden, ist die größte Kunst“, sagt Andreas Bee. Ich spüre Aggression, ein aufgeheiztes Spiel. Das Foto zeigt Claudio, wie er bei einer Flasche Whisky auf einem Stuhl hängt, vor ihm das Skizzenbuch. Er ist unrasiert und mit einem Muscle-Shirt bekleidet, sodass seine flächendeckenden Tattoos besonders gut zu sehen sind. „Plan A is fucked up“. Er heckt also Plan B aus, wie das gezeichnete Mindmap unter dem Foto zeigt: „getting boring“, „getting super crazy“, „destroy myself“, „getting married finally“ sind einige eingekreiste Teile des Plans. Clemens’ Antwort auf das Foto und das Mindmap ist die geballte Faust, sehr nah an der Linse. Mit Kugelschreiber steht auf jedem Finger ein Buchstabe. Zu lesen ist: Plan B. „Die ,Realität‘ war weg – das heißt, weil Realität einfach das ist, was mich beeinflußt, auch wenn ich nicht will, so wie das, was ich beeinflussen muß, auch wenn es nicht will“ 4, schreibt Dietmar Dath.

„Reality is more kitsch than anyone can handle“, steht auf der Seite von Tag 85 über einem Strandpanorama mit einer verschwommenen Rose im Vordergrund und einem einsamen Spaziergänger im Hintergrund. Die Antwort ist: „Love will tear us apart“, Titel eines Liedes der Band Joy Division. Ich schaue den Text des Liedes im Internet nach. Es beginnt so: „When routine bites hard and ambitions are low / And resentment rides high but emotions won’t grow / And we’re changing our ways, taking different roads / Then love, love will tear us apart again / Love, love will tear us apart again.“ 5

Vielleicht geht es darum, weiterzuspielen, zu werden und zu lieben, wer man ist.




1 José Saramago: Die Stadt der Blinden. 20. Aufl. Reinbek bei Hamburg 2009, S. 335.
2 Erich Maria Remarque: Der Himmel kennt keine Günstlinge. München, Zürich 1963, S. 154.
3 Julia Byran Wilson: A Modest Collective: Many People Doing Simple Things Well. In: Learning To Love You More.
Harrell Fletcher & Miranda July. München, Berlin, London, New York, S. 145.
4 Dietmar Dath: Die salzweißen Augen. Vierzehn Briefe über Drastik und Deutlichkeit. Frankfurt am Main 2005, S. 53.
5 http://www.songtexte.com/songtext/joy-division/love-will-tear-us-apart-43d5a767.html. Eingesehen am 13.04.2012.